Blessed by the Elefant
Indien: Goa - Benaulim - Margao - Western Ghats - Hubli - Gadag - Hospet - Hampi und zurück
Herr Prhkash fährt uns (Hanna ist auch mit) mit seinem kleinen Touristentaxi nach Hampi. Wir kennen ihn bereits als ruhigen und zuverlässigen Fahrer und freuen uns auf die 360 km lange Fahrt ins Landesinnere. Morgens um 7.00 Uhr geht es los und der dickbäuchige elefantenköpfige Ganesha einer der populärsten Götter im Hinduismus, ziert das Armaturenbrett. Er ist der Sohn von Shiva und Parvati. Eine von vielen Legenden besagt, dass Shiva nach langer Abwesenheit zurückgekehrt seinem Sohn im Zorn den Kopf abgeschlagen haben soll, nachdem er ihn fälschlicherweise für einen Liebhaber seiner Frau hielt. Voller Trauer ob seines Missgeschicks und im Bemühen, dieses so schnell als möglich zu beheben, beschloss er seinem Sohn den Kopf jenes Lebewesens aufzusetzen, das ihm als erstes begegnen würde. Da dies ein Elefant war, ziert Ganesha seither jener charakteristische Elefantenkopf. Dass nun ausgerechnet eine Ratte als Reittier herhalten muss, passt zu dieser liebenswerten Götterfigur. Als Glücksbringer und Beseitiger von Hindernissen ist er bei Autofahrern sehr beliebt.
Auf der abenteuerlichen Fahrt durch die Western Ghats, die Alpen Südindiens, leistet er uns gute Dienste. Als wir die Landesgrenze nach Karnataka überschreiten verwandelt sich die Strasse in eine grausame Piste, die aus aufgewühlter roter Erde besteht, über die der chaotische Verkehr rollt. Wir fahren eine Ewigkeit im ersten Gang und die schrill bunten, schwer beladenen Lastkraftwagen schaukeln schwankend durch die tiefen Schlaglöcher. Grosse Schilder kündigen Goods Carrier, Jesus Public Carrier, India is great oder den Sudi-Express an. Auf der Rückseite fordern Please horn, horn okay, dazu auf, sich bemerkbar zu machen. Hupen ist das universelle, indische Verkehrsleitsystem ohne das der chaotische Verkehr zusammenbrechen würde. Überholen rechts, in der Mitte, links mit Hupen kein Problem. Hupe, wenn Kühe, Ziegen, Affen oder Elefanten als Hindernisse erscheinen oder wenn mit Stroh und Heu himmelhoch und straßenbreit beladene Höckerkuhgespanne dir die Sicht versperren. Auch bei Ausweichmanövern erfolgt so die Verständigung. Ich weiche aus: HORN! Ich weiche nicht aus: HORN! Steht der Verkehr still, hupen alle lang und ausdauernd und auf wunderbare Weise löst Ganesha den Stau auf. Glücklich hupend fahren alle weiter.
Die Strasse wird wieder besser und wir erreichen die große Industriestadt Hubli. Ein Fest zu Ehren von Vishnu findet statt und wir bestaunen das Geschehen. Die Strassen sind verstopft, da gleichzeitig Markttag ist. Bunt bemalte Kühe, festlich gekleidete Menschen, Musikanten und Tänzer ziehen durch die Stadt. Vor einem Vishnu-Tempel brennt ein großes Feuer. Rauch und Asche wirbelt durch die Luft. Vishnu gilt als Erhalter der Welt und tritt immer dann auf, wenn es gilt, die Erde vor dämonischen Gewalten zu schützen.
Wir fahren weiter nach Gadag. Es ist das Zentrum der Baumwollverarbeitung, was an hochbepackten Lkws und Ladungen am Straßenrand zu erkennen ist. Wir essen in einem vegetarischen Restaurant. Unser Fahrer erzählt uns, dass sich die Bevölkerung hier zum größten Teil vegetarisch ernährt. Im Angebot ist Pilau-Reis mit viel Gemüse raffiniert gewürzt. Oder Idli, Grieskuchen mit frittierten Gemüsekuchen. Auch Thali, Reis mit verschiedenen Currys, Gemüse und scharfen Pickels, dürfen es sein. Zu allen Gerichten werden äußerst lecker zubereitete Soßen serviert. Auf Joghurtbasis mild gewürzt oder als Masala mit rasanter Schärfe. Den krönenden Abschluss bilden süßer Lassi mit Cashewnut und Lychees sowie Tee mit viel Zucker, Milch und Gewürzen wie Ingwer, Zimt, Kardamon und Nelken.
Wir erreichen Hampt nach 10 Std. Fahrt. Die archaisch anmutende Landschaft und die Ruinenstätte sind in mildes Licht getaucht. Es ist eine einzigartige Atmosphäre. Hampi liegt eingebettet zwischen vielen Hügeln, die wie ein gigantisches, aufeinandergetürmtes, dreidimensionales Steinpuzzle aussehen und aus rotbraunen, ockergelben, grauen runden oder vielfältig geformten Felsbrocken bestehen. Ein kleiner Fluss fließt zwischen Gärten und Palmhainen und der kleine Ort liegt inmitten de Tempel und Paläste. Ein bewohntes und lebendiges Freilichtmuseum mit grünen Oasen. Pilger und Sadhus waschen ihre farbenfrohe Kleidung im Fluss. Die Tempelglocken läuten. Aus Lautsprechern ertönen religiöse Litaneien. Im Ortszentrum, dem Hampi Bazaar, herrscht geschäftiges Treiben. Läden verkaufen Götterbilder, Opfergaben, Blumenkränze, Ketten, Räucherstäbchen, Spiegelteppiche, Taschen, Obst und vieles mehr. Aus Restaurants mit Holzfeuern unter altertümlichen aus Stein gemauerten Herden, auf denen in großen schwarzen gusseisernen Kesseln gekocht wird, ziehen Rauchschwaden gemischt mit exotischen Essensdüften. Die Sonne versinkt und die Schatten werden länger. Höchste Zeit sich gegen Moskitoangriffe zu wappnen.
Unser Quartier beziehen wir im Hotel Shambhu. Das Zimmer ist in hellem Lila gestrichen und über dem einzigen Möbel, einem Bett, das den ganzen Raum ausfüllt, hängt ein pinkfarbenes Moskitonetz. Die grünen Fensterscheiben sind kunstvoll vergittert. Tür und Rahmen rosarot gestrichen. An der Tür gibt es drei Riegel - nach oben, in der Mitte und nach unten. Eine Leuchtstoffröhre ragt zur Hälfte ins Bad und in das Zimmer. Einfach, sauber, billig und bunt.
Wir frühstücken auf dem Dach unseres Hotels. Unmittelbar vor uns steht riesengroß der Virupaksha-Tempel, der das Ziel der Pilger ist. Geweiht ist das Heiligtum Shiva. Laut der indischen Mythologie soll dieser in nicht weniger als 1008 verschiedenen Erscheinungsformen die Erde betreten haben. Er verkörpert die Kräfte der Zerstörung, andererseits gilt er auch als Erneuerer aller Dinge. Der 50 m hohe Tempelturm ist mit zahlreichen Skulpturen verziert, deren Quelle die großen hinduistischen Epen sind. Die bunte zum Teil geradezu ausschweifende Lebensfreude, die von vielen de gänzlich mit Götter- und Fabelwesen ausgeschmückten Türme ausgeht, steht dabei in einem spannungsreichen Kontrast zur meditativen Ruhe, die aus dem Zentrum der Tempel hervorgeht. Das Heiligtum liegt inmitten einer von Granitpfeilern und langen, gedeckten Gängen gebildeten Umfassungsmauer. Unser Spaziergang führt uns durch den Hampi Bazaar. Die sich etwa 800 Meter nach Osten erstreckende ca. 10 m breite Strasse wird auf beiden Seiten von den Überresten der ehemals zweistöckigen Villen der Reichen flankiert. Heutzutage hat sich die Dorfbevölkerung im Erdgeschoss der Prachthäuser niedergelassen und sich mit Hilfe von Stroh und Wellblech armselige Behausungen gebaut. Am Ende der ehemaligen Prachtstrasse sitzt ein riesiger, aus einem Granitfelsen gehauener Nadi-Bulle. Wir folgen dem Pfad zu den heiligen Bade-Ghats. Entlang des aus Granitblöcken gebauten Weges passiert man Schreine und Tempel. Betler und Sadhus hoffen auf eine milde Gabe. Inzwischen haben wir gelernt, dass nur dünne Sadhus echte Heilige sind, weil sie viel gehen und wenig essen. Bei den unechten dicken sei das umgekehrt. Das Elend der Armen ist allgegenwärtig. Bettelnde Kinder, die nur Weiße anfassen und bedrängen verdienen oft mehr als arbeitende Eltern. Leprakranke und Verkrüppelte strecken ihre verstümmelten Glieder aus und demonstrieren auf drastische Weise ihre Not. LEBEN und UEBERLEBEN stehen in krassem Kontrast. Der Fluss wird am anderen Ufer von Palmhainen und runden Felsbrocken gesäumt, die sich zu mittelhohen Hügeln aufschichten. Rechts vor uns liegt eine kleine Bucht mit Sandufer, in der Mitte und links laufen große, flache Felsrücken sanft bis an die Wasserkante. Treppenstufen führen zu den Tempeln und Überdachten Säulengängen. Grosse flache kreisrunde Boote mit ca. 2 Meter Durchmesser liegen am Ufer bereit. Sie warten auf Fahrgäste, die in den Schilfrohrgeflechten auf dem Fluss befördert werden wollen. Sadhus waschen sich und bunte Saris liegen in langen Bahnen auf den Felsen. Menschen sitzen in Gruppen zusammen und essen und trinken. Die flachen Felsrücken sind durch magische Zeichen und Symbole verziert. Tanzende Figuren, runde und rechteckige Vertiefungen, Kreis mit einem angedeuteten Ausgang, dann große Kreis in denen die Fußabdrücke von 13 Menschen eingemeißelt sind. Ich stelle mich in einen der Abdrücke und meine kleinen Füße passen genau. Eine Gruppe von Frauen beobachtet mich und prustet los vor lachen. Der Kondanda-Ramaa-Tempel liegt nahebei. Die dort ansässigen Affen toben über die heilige Anlage und reiten auf den Steinelefanten. Rabenvögel in großen Schwärmen kreischen und flattern durch die Bäume und ein Adler zieht seine Bahnen. Der Getränkestand gleich nebenan befindet sich unter einem einfachen Dach aus getrockneten Palmblättern. Eine Inderin im pinkfarbenen Sari koch auf einem schwarz verkohlten Benzinkocher Tee, der sehr lecker schmeckt. Pause gefällig?
Am Nachmittag klappern wir mit Mr. Prhkash die außerhalb liegenden Highlights ab. Tempel, Queens Bath, Audienzhalle und die Elefantenställe, weitläufig schön gelegen und architektonische Kunstwerke. Zur Gebetszeit ist es bereits dunkel und wir betreten durch das spärlich beleuchtete Haupttor den Tempel. Im ersten Innenhof geben wir unsere Schuhe ab und barfuss schlendern wir weiter. Der Steinboden ist warm und glatt. Wir folgen den Gläubigen durch das zweite Tempeltor. Rechts und links befinden sich Granitpfeiler und lange mit Granitblöcken gedeckte Gänge. Der Weg führt uns ins Innere vor diverse Götter und Kultbilder. Ein Priester fordert uns auf nähr zu treten. Er gießt heiliges Wasser in unsere Hände und fordert uns auf es zu trinken. Es riecht stark nach Rosen und an den Händen bleibt der Duft lange haften. Dann setzt er uns mittels Pulverfarbe einen leuchtend roten Punkt auf die Stirn und hinter das Ohr dürfen wir uns eine Blume stecken. Wir setzen uns in eine Nische und beobachten das Geschehen im Tempelhof. Der Sternenhimmel leuchtet und die schmale Sichel des Mondes hängt wie eine flache Schale am Himmel. Gläubige strömen durch die Gänge, zuenden im Innenhof Öllampen an, setzen sich zum Gebet nieder und Priester schreiten von Trommlern und Shanaibläsern begleitet zu den einzelnen Götterschreinen. Unser Taxifahrer erscheint und strahlt über das ganze Gesicht. Er ist zum ersten Mal in Hampi und die göttliche Magie hat auch ihn erfasst. Wir sitzen und schauen und werden langsam müde. Auf zum Hotel. Wir verlassen unsere Plätze und gehen auf das zweite Tempeltor zu. In einer Ecke steht ein Tempelelefant mit seinem Begleiter und vor ihm einige Pilger. Wir stellen uns in der Reihe an und verfolgen das Geschehen. Der Elefant frisst genüsslich eine Stange Zuckerrohr, der Mahut hält sich im Hintergrund. Als wir an die Reihe kommen, haben wir verstanden, was passiert. Ich greife in meine Tasche und fische eine Rupiemünze heraus und halte sie dem Elefanten hin. Der feuchte, süß riechende Rüssel nimmt bedächtig die Münze und gibt sie seinem Begleiter. Dann hebt er vorsichtig den Rüssel, hält ihn über jeden unserer Köpfe und berührt uns sanft. Der Mahut lächelt und flüstert: "Blessed by the elefant!"
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