Der Besserwisser von Bäranus von Susann Conradt

Kapitel 1

Der Besserwisser

„Aufstehen Niklas“ sagte die Mutter. „Du mußt zu Schule und es ist schon wieder gleich 7.00 Uhr.“ Wie jeden Morgen fiel Niklas das Aufstehen unheimlich schwer. Obwohl es ihm abends genauso schwerfiel ins Bett zu gehen. Denn müde war er eigentlich fast nie. Zumindest wenn man ihn danach fragte.

Nach dem fünften mal Wecken stand Niklas dann endlich auf um sich zu waschen. Aber auch das Waschen und Zähneputzen am Morgen gefiel ihm gar nicht. Und eigentlich gefiel es ihm auch am Abend nicht. Das alles half jedoch nichts, denn es fragte ihn keiner ob es ihm nun gefällt oder nicht. „Was möchtest Du auf Dein Frühstücksbrot ?“ rief seine Mutter aus der Küche. Doch er antwortete nicht. Er unterhielt sich im Badezimmer lieber mit seinem Vater, der gerade unter der Dusche stand. „Guten Morgen Niklas, hast Du gut geschlafen ?“ fragte sein Vater wie jeden Morgen. „Ja, gut !“ sagte Niklas und quetschte sich den Rest Zahnpasta aus der Tube auf die Zahnbürste. „Niklas, was möchtest Du zum Frühstück. Wir müssen uns beeilen.“ rief die Mutter nochmals aus der Küche. Niklas, der genau wußte, wenn er jetzt nicht endlich antwortete, würde es gewiß ein „Donnerwetter“ hageln und das gefiel am Morgen erst recht nicht. „Ich möchte Knäckebrot mit Knoblauchkäse !“ rief er noch mit der Zahnbürste im Mund. „Genau das richtige Frühstück für einen Morgenmuffel !“ sagte sein Vater und grinste.

Die Schulglocke läutete. Die vierte Stunde war vorbei und Niklas wußte, daß seine Mutter ihn heute von der Schule zu einem Stadtbummel, wie sie es immer nannte, abholen wollte. Er sollte neue Schuhe kaufen, wozu er überhaupt keine Lust hatte. Aber es mußte sein, denn neue Schuhe muß man ja anprobieren. „Hallo Niklas, na, war es schön in der Schule ?“ Warum müssen Eltern eigentlich jeden Tag das selbe fragen, fragte sich Niklas. „Ja – wie immer!“ sagte er nur und hoffte inständig, seine Mutter würde jetzt sagen, daß der Stadtbummel heute ausfällt. Aber auch damit hatte er kein Glück. „Wir fahren jetzt gleich in die Stadt und kaufen dir neue Schuhe. Anschließend können wir dann auch noch ins Spielzeuggeschäft gehen. Dann kannst Du Dich ein bißchen umschauen und wir kaufen noch ein Geburtstagsgeschenk für Deinen Freund Juli !“ Niklas horchte auf. Ach ja, das hatte er doch fast vergessen. Übermorgen ist ja Juli‘s Geburtstag. Und was gibt es aufregenderes als eine Geburtstagsfeier bei seinem Freund. Dann war das Schuhe-kaufen ja gar nicht mehr so schlimm, dachte er und freute sich nun doch ein bißchen.

„Kann ich ihnen helfen ?“ fragte die Schuhverkäuferin und lächelte Niklas dabei an. „Ja gerne,“ sagte Niklas Mutter und fuhr fort: „mein Sohn braucht neue Schuhe in Größe 35.“Die Schuhverkäuferin zeigte Niklas und seiner Mutter verschiedene Schuhe und er mußte sich hinsetzen und sie anprobieren. Aber keines gefiel Niklas so richtig. Es war sehr warm in dem Geschäft und Niklas sah, daß die Brille der Verkäuferin ihr langsam die Nase herunterrutschte. „Komisch !“ dachte Niklas „Ich muß hier so viele Schuhe anprobieren und sie schwitzt. Brillenrutscherin!“ Doch bevor er noch seinen Gedanken zu Ende denke konnte, kam die „Brillenrutscherin“ mit einem neuen Paar Schuhe aus dem Lager zurück. Er hoffte inständig, das dieses Paar auch seiner Mutter gefällt. „Die sind echt cool !“ dachte er und probierte sie an. „Die passen gut, Mama !“ sagte er und „stiefelte“ mit den neuen Schuhen durch den Laden. Er sah, wie die Mutter sich noch mit der „Brillenrutscherin“ unterhielt und als er zurückkam sagte sie: „Wenn sie nicht drücken und du sie haben möchtest, dann kaufen wir die !“ „Prima“ sagte er „dann möchte ich die gleich anbehalten“. Niklas war wieder ein bißchen zufriedener und froh, daß dieser Teil des Stadtbummels nun erledigt war. „Auf zum Spielzeuggeschäft“ sagte seine Mutter nachdem die Schuhe bezahlt waren und sie gingen gemeinsam zum Ausgang.

Im Spielzeuggeschäft war es ziemlich leer. Niklas durfte sich alleine ein bißchen umschauen, denn seine Mutter wollte erstmal das Geburtstagsgeschenk für Juli kaufen. Juli hieß ja eigentlich Julian – aber so nannte ihn niemand. Er hatte sich zum Geburtstag eine Spielesammlung gewünscht und die wollte Niklas Mutter jetzt erst besorgen. Niklas streifte durch die Gänge der vielen Regale – vorbei an Dinosauriern, Action-Hero’s, Autos und vielem mehr bis er bei den Stofftieren landete. Niklas hatte schon einige Stofftiere, die in seinem Zimmer alle in einem Regal saßen. Jedes hatte einen Namen, den er ihnen gegeben hatte. Und manchmal sprach er auch mit Ihnen. Aber immer nur ganz leise. Er war ja schließlich kein Baby mehr und es mußte ja niemand wissen. „Das sind ja coole Schuhe !“ sagte plötzlich eine brummig klingende Stimme hinter ihm. Ohne sich umzudrehen antwortete er.“ Ja, die habe ich gerade eben erst bekommen. Und ich find‘ sie auch echt cool !“ „Hätt‘ ich auch gerne“ sagte die Stimme „aber Jacke, Hose und Mütze über dem Fell reichen mir eigentlich. Das wird mir sonst doch zu warm !“ „Über dem Fell ?“ dachte Niklas und drehte sich nun doch verwundert um. Aber dort stand niemand.

„Was war das wohl für ein komischer Typ ?“ dachte Niklas und wollte gerade weitergehen als die Stimme sagte: „Wie heißt du eigentlich ?“ Niklas schaute sich nochmals um. Aber er war in dem Gang ganz alleine. „Du bist aber unfreundlich. Kannst du nicht mal antworten ?“ Jetzt wurde es Niklas doch etwas mulmig und er dachte: „Ich gehe am besten meine Mutter suchen. Ich habe mich bestimmt nur verhört. Oder vielleicht läuft in der CD-Abteilung eine dieser >Hör einfach mal‘ rein< Geräte. Ja, das war’s. Bestimmt ist es ein Hörspiel von der CD.“ Niklas war wieder beruhigt. Er blieb noch ein bißchen am Stofftier-Regal stehen und schaute sich alles in Ruhe an. Den Hund mit den langen Ohren. Der sah lustig aus. Und das Kamel erst. So eines hatte er auch noch nicht. Und da, der Teddy-Bär ! Der sah ja nun wirklich cool aus mit seiner Mütze und dem Anzug. Gerade als er nach ihm griff um ihn ein bißchen genauer anzuschauen sagte wieder eine brummige Stimme: „Das habe ich gerne. Erst nicht antworten wollen und mich dann auch noch aus dem Regal zerren !“ Niklas blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Hatte da wirklich der Bär gesprochen. Oder träumte er das alles vielleicht ? Er kniff sich schnell in den Arm. „Aua !“ rief er laut. Das tat weh. „Selber Schuld. Was kneifs’te dich auch ?“ fragte der Bär. Nein, es war kein Traum. Der Teddy sprach. Und zwar mit ihm. Niklas, der sich langsam wieder beruhigt hatte, sagte vorsichtig: „ Ich wollte nur mal sehen, ob ich das alles träume. Ich dachte Stofftiere können nicht reden !“ „Normalerweise nicht“ antwortete der Bär. „Aber ich bin ja auch nicht nur ein Stofftier. Darf ich mich vorstellen ? Ich heiße >Besserwisser<. Sagst du mir nun endlich auch wie du heißt. Oder ist das ein Geheimnis ?“ „Ganz schön frech“ dachte Niklas und sagte leise, damit nur ja keiner ihn hören konnte, so wie er immer mit seinen Stofftieren sprach und dann auch leise für sie antwortete „Ich heiße Niklas !“

„Brauchst du immer so lange mit dem Antworten ?“ fragte der Bär der nun mittlerweile auf Niklas Arm saß und ihn verschmitzt ansah. „Nein. Eigentlich nicht. Meine Eltern sagen sogar, daß ich oftmals viel zu viel rede.“ „Na, dann haste wohl heute deinen langsamen Tag, wie ?“ erwiderte der >Besserwisser<. „Redest du mit allen die hier vorbeigehen ?“ fragte Niklas und beugte sich dabei leicht zum Ohr des Besserwissers vor. „Nee, bestimmt nicht. Meinst du, ich würde dann noch hier sitzen ?“ „Man ist der frech !“ dachte Niklas. „Aber ich habe dir an der Nasenspitze angesehen, daß du mein Freund werden könntest. Hast du schon einen Freund ?“ fragte der Bär. „Ja, mein Freund heißt Juli“ flüsterte Niklas ihm wieder ins Ohr. „Juli ?“ sagte der Besserwisser „ich dachte immer Juli sei ein Monat. Hast du vielleicht noch elf Freunde mehr ? Januar, Februar, März,....“ Der Bär zählte alle Monate des Jahres auf und Niklas spürte, wie ein kleiner Wutanfall in ihm aufstieg. Wie konnte ein so weicher, kuscheliger und nett aussehender Teddy nur so frech sein. Dabei fiel ihm auf, daß seine Mutter auch immer so etwas ähnliches über ihn sagte. „Wie kann ein kleiner, hübscher und aufgeweckter Junge wie du nur so freche Dinge sagen ?“ Oft hatte er sich diesen Satz schon anhören müssen. „Ob Mama sich dann auch immer so wütend fühlte ?“ Doch er kam nicht dazu, sich selbst eine Antwort zu geben, denn der Besserwisser unterbrach ihn. „Jetzt kriege ich schon wieder keine Antwort. Haste nun noch mehr Freunde oder nich ?“ sagte der Bär. „Klar hab ich noch mehr Freunde“ sagte Niklas „aber Juli ist mein bester. Er heißt eigentlich Julian. Aber alle nennen ihn Juli.“ „So so“ erklang wieder die brummige Stimme „das wäre dann so, als würden mich alle Besserwiss und dich alle Nikl nennen ?“ „Na ja so ähnlich“ sagte Niklas schnell und hoffte, daß der Bär nun endlich aufhören würde ihn zu foppen. Das haßte er nämlich sehr. „Wie die Erwachsenen!“ dachte Niklas und fand sich doch ein bißchen komisch, wie er da stand und sich mit einem Bären auf seinem Arm unterhielt. „Ich wollte auch nur wissen, ob wir Freunde werden können ?“ riß ihn der Bär wieder aus seinen Gedanken. „Ja, äh“ stammelte Niklas, denn das hatte ihn noch nie ein Teddy gefragt. „Klar !“ sagte er dann schnell hinterher. Denn wer weiß, wann ihm so etwas nochmal passieren würde und er fand ihn ja eigentlich auch ganz süß. „Prima – dann kannst du mich doch jetzt kaufen und ich komme mit zu dir nach Hause !“ „Niklas ! Niklas !“ hörte der kleine Junge seine Mutter rufen. „So ein Mist !“ dachte er. „Gerade jetzt ! Ich komme gleich“ rief er ihr schnell zu, wie er es immer tat, wenn er eigentlich noch gar nicht kommen wollte. „Ich kann dich nicht kaufen. Ich habe nicht soviel Geld mit und meine Mutter kauft mir zwischendurch nicht so ein großes Teil !“ „Was heißt hier großes Teil ?“ empörte sich der Besserwisser. „Bin ich etwa nur ein Teil ?“ „Nein, nein“ sagte Niklas schnell, denn er wollte ihn ja schließlich auch nicht beleidigen. „Niklas, wo bleibst du denn!“ hörte er seine Mutter wieder rufen. „Jaaaaa, komme gleich“ und wieder hatte er ein paar Minuten Zeit gewonnen. „Und außerdem. Was heißt hier viel Geld ? Ich bin doch unbezahlbar !“ hatte sich der Bär noch immer nicht beruhigt. Niklas hielt den Bären nun noch fester und machte sich auf den Weg zu seiner Mutter. „Da bist du ja. Ich habe dich schon überall gesucht!“ sagte sie. „Mama, guck mal ist der nicht süß“ sagte Niklas und hielt den Bären direkt vor die Nase seiner Mutter. „Ach Niklas. Du hast doch schon so viele Stofftiere. Und Teddybären auch“ sagte sie mit der typischen Handbewegung die bedeutet, daß Niklas den Bären wieder zurückstellen soll. „Aber er hat bestimmt nicht so einen netten, wohlerzogenen und intelligenten Bären wie mich" sagte der Besserwisser schnell. Niklas erschrak. „Du darfst jetzt nicht reden“ zischte er dem Bären ins Ohr. „Keine Sorge. Sie hört mich nicht. Nur du kannst das. Weil ich das so will. Ich bin nämlich nicht nur ein unwahrscheinlich gutaussehender und schlauer Bär sondern habe auch noch Zauberkräfte. Früher sagte man auch >Der große Besserwisser< zu mir.“ „Angeber“ dachte Niklas und setzte erneut an um seine Mutter zu überzeugen, ihm diesen Bären zu kaufen. „Bitte Mama. Dann möchte ich auch bis Weihnachten nichts mehr außer der Reihe haben.“ Genau diesen Ausdruck gebrauchte seine Mutter auch immer. >Außer der Reihe< sagte sie immer, wenn Niklas mal wieder einen seiner vielen Wünsche äußerte. „Was kostet er denn?“ „99,--DM“ sagte Niklas schnell mit einem Funken Hoffnung in der Stimme. „99,--DM ? Das ist einfach zuviel für so mal zwischendurch. Außer der Reihe eben.“ Wie Niklas diesen Spruch haßte. „Zu teuer ?“ brummte wieder der Besserwisser. „Ich bin doch unbezahlbar. 99,--DM zu teuer. Was für eine Frechheit. Für mich – den großen Besserwisser !“ und Niklas war froh, daß seine Mutter es nicht hören konnte.

„Also gut. Dann setze ich ihn wieder hin !“ sagte er wenig eingeschnappt und ging wieder zu dem Regal zurück, an dem er den Bären kennengelernt hatte. „Was machen wir jetzt ?“ fragte Niklas den Besserwisser. „Haste denn überhaupt eigenes Geld ?“ wollte dieser jetzt wissen. „Klar,“ sagte Niklas „ich hab zu Hause in meiner Spar-Weltkugel 220,--DM gespart.“

„Spar-Weltkugel ! Ein komischer Ort um sein Geld aufzuheben !“ „Wenn dieser Bär bloß nicht immer alles besser wissen würde“ dachte Niklas und hatte plötzlich eine Idee. „Ich setze dich nach ganz hinten ins Regal. Damit dich kein anderer sieht. Und dann sage ich meiner Mutter, daß ich dich von meinem gesparten Geld kaufen will.“ „Aus der Spar-Weltkugel“ beendete der Bär seinen Satz. „Das ist eine gute Idee. Und sollte mich doch jemand in die Hand nehmen, mache ich ein total brummiges Gesicht. Dann kauft mich bestimmt keiner. Ich warte dann also auf dich und ich freue mich, daß du jetzt mein Freund bist. Bist du doch, oder?“ wollte der Bär noch wissen. Niklas dachte, daß >der große Besserwisser< ja doch auch ganz normal nett reden könnte und sagte freudig:“ Klar bin ich dein Freund. Ich komme bald wieder und hole dich ab. Aber jetzt muß ich gehen. Meine Mutter wartet.“ „Ja mach das. Und vergiß mich nicht. Du weißt, Freunde sind immer für einander da“ sagte der Bär noch als Niklas ihn nach ganz hinten ins Regal schob und die anderen Stofftiere direkt davor stellte. „Niklas, kommst du jetzt ?“ fragte seine Mutter schon etwas ungeduldig. „Moment noch“ rief er ihr zu und seinem neuen Freund sagte er noch schnell „Tschüß Besserwisser. Ich hole dich bald ab. Ganz bestimmt. Ganz bald !“ „Tschüß Niklas“ sagte der Bär durch die anderen Stofftiere hindurch. „Es ist schön, daß ich jetzt einen so tollen Freund habe“. Niklas winkte ihm noch einmal zu und ging dann mit seiner Mutter gutgelaunt nach Hause.


© 2001, Susann Conradt